Ein Weg und ein Moment des Loslassens

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Dies ist ein persönlicher Text von Nils über seinen Weg der inneren Arbeit und über einen Moment, der nicht länger dauerte als ein Fingerschnippen—und dennoch sein Leben grundlegend veränderte.

Die ersten Schritte

Ich war 26 Jahre alt, hatte meine Lehre als Goldschmied beendet und war einige Zeit in Südeuropa gereist, als ich meinen ersten Vipassana Meditationskurs in Belgien besuchte. Diese Kurse in der Tradition von Sn Goenka dauern 10 Tage und sind sehr intensiv, da man viele Stunden am Tag sitzend meditiert. Ich begann mit der Meditationspraxis aus persönlichen Gründen und wie viele andere Menschen kam ich zur Meditation, da viele leidvolle Momente in meinem Leben präsent waren und ich etwas ändern wollte. Der erste Kurs war eine ziemliche Qual und hätte mich nicht ein guter Freund vom Meditationszentrum abgeholt und mir gut zugeredet, ich wäre diesen Weg wahrscheinlich nicht weitergegangen. Da meine Freunde und ich zu diesem Zeitpunkt viel gereist sind, gab uns das morgendliche Yoga und die Meditation auf unseren Reisen Struktur und wir behielten die Meditationspraxis bei. In Indien besuchte ich einen zweiten Kurs. Von Krankheit geschwächt, wollte ich diesen Kurs eigentlich absagen und es war wieder derselbe Freund, der mir gut zuredete doch teilzunehmen. Dieser zweite Kurs brachte viel in Bewegung und ich spürte wie sich viele geistige Verhärtungen, mit denen ich zu Kursbeginn angereist war, nicht mehr so intensiv anfühlten. Als ich nach dem Kurs ins nächstgelegene Dorf ging, merkte ich, wie in mir der starke Impuls Menschen zu helfen lebendig wurde und ich von der Lebenssituation der Dorfbewohner sehr berührt war. Ich blieb noch ein paar Tage länger im Zentrum, genoss die Stille in der Meditationshalle und die Klarheit in meinem Geist.

Die gefühlte Sackgasse

Ich war zu dieser Zeit planlos unterwegs und bei meiner Rückkehr nach Deutschland beschloss ich, aufgrund der befreienden Erfahrung, voll in den Meditationsweg einzusteigen. Ich ging wieder direkt ins Meditationszentrum. Jedoch fühlte ich mich haltlos und hätte am liebsten in der Küche gearbeitet, Kartoffeln geschält und mich geerdet—aber als mich der Lehrer fragte, ob ich Manager für den nächsten Kurs sein wollte, sagte ich sofort zu. Als Manager ist man Bindeglied zwischen Meditierenden und Lehrer und kümmert sich um alle möglichen Belange. Man meditiert auch recht viel und hat immer einen Blick auf die Teilnehmer. Eine sehr intensive Zeit. Am Ende dieses Kurses kamen viele schwierige Geisteszustände hoch. Ich frage mich bis heute, ob mit einer besseren Betreuung alles anders verlaufen wäre—wenn ein erfahrener Lehrer mir erklärt hätte, dass diese schwierigen Phasen ein integraler Teil des Meditationsweges sind. Was sich anfühlt wie ein Rückschritt, ist am Ende oft ein Fortschritt in der Praxis.

Ich verließ überhastet das Zentrum und schaffte es diese Zustände der Angst und gefühlten Ausweglosigkeit in kurzer Zeit so zu verstärken, dass ich Hilfe brauchte—und auch in Anspruch nahm. Zu dieser Zeit hörte ich auf zu meditieren, machte nur noch ein wenig morgendliches Yoga. Ich wusste, dass ich irgendwann wieder anfangen würde zu meditieren aber ich spürte intuitiv, dass jetzt einfach nicht der richtige Zeitpunkt war. Ich verbrachte fast 10 Jahre in denen ich mich auf die Suche im Außen begab. Ich machte verschiedene Jobs, reiste, fing an mich weiterzubilden, lernte meine Partnerin kennen und wir studierten zusammen. Doch 2013 hatte ich das Gefühl mit meiner Suche nach Sinn und Wahrheit vollkommen gescheitert zu sein. Ich war innerlich an einem Tiefpunkt angelangt, als ich zufällig im WDR einen Bericht über das EIAB (European Institute for Applied Buddhism) in Waldbröl sah und zum ersten Mal von Thich Nhat Hanh hörte. In mir wurde wieder etwas wachgerufen und ich las einige von Thich Nhat Hanhs Büchern und meldete mich zum Sommerretreat 2013 an.

Als Thich Nhat Hanh noch persönlich im EIAB lehrte, waren die Sommerretreats sehr gut besucht. Insgesamt waren dort ca. 800 Menschen, Lehrende und Teilnehmende anwesend. Es gab ein großes Meditationszelt, viele Menschen campten in den schönen Parkanlagen. Das Retreat dauerte 6 Tage und ich genoss die Atmosphäre, das leckere Essen, die angeleiteten Meditationen und den Austausch in den Kleingruppen. Thich Nhat Hanh musste in den 1960er Jahren seine Heimat Vietnam verlassen, da er sich gegen den Krieg positioniert hatte und lebte seither hauptsächlich in Südfrankreich. Er hat die Essenz des Buddhismus an europäische Bedürfnisse angepasst. Die angeleiteten Meditationen über das Eingebundensein in das Netz des Lebens und über die Versöhnung  mit den Eltern und den Ahnen, die Dankbarkeitsreflektionen, die Meditationen zur Selbstakzeptanz—all das hat zu diesem Zeitpunkt viel in mir bewirkt. Das Sommerretreat ist auch deshalb so kraftvoll, da viele Menschen gemeinsam versuchen Achtsamkeitsenergie aufzubauen und direkter mit dem Leben in Kontakt zu sein.

Der Schlüsselmoment

In diesen Retreats versucht man von Moment zu Moment zu praktizieren. Es gibt keine Pause in der Meditation—daher ist auch die Gehmeditation ein essentieller Bestandteil der Praxis. Ich praktizierte einfach ganzen Herzens. 

Es war eine halbe Stunde vor Ende des Retreats als ich auf einmal vor meinem geistigen Auge sah, dass meine Mutter mir seit Jahren die Hand ausstreckte und ich sie immer wieder abgewiesen hatte—mit dem Glaubenssatz „Ich muss mich gegen sie verteidigen“. Dieser Glaubenssatz stammte aus der Zeit als meine Eltern sich auf unschöne Art scheiden ließen. Alle Familienmitglieder waren damals maßlos überfordert. Es war dann ein kurzer Moment, in dem dieses alte Glaubenssystem mit seinen hinderlich Glaubenssätzen wie „Alles ist sinnlos“ in sich zusammenstürzte und losgelassen wurde. Es war nicht nur ein Gedanke, sondern auch ein ganz tiefes Gefühl von „Da ist niemand, den ich verteidigen könnte“, das in mir lebendig wurde. Innerlich geriet vieles in Bewegung. Die Tränen kamen, die so befreiend waren und auf die ich lange gewartet hatte. Wellen von intensiven Gefühlen durchliefen meinen Körper. Später am Tag fühlte ich mich wie erschlagen und gleichzeitig wie neugeboren. Für mich war es ein Moment der Gnade, der mir in diesem Retreat zuteilgeworden ist und mein Leben verändert hat. Dieser Moment hat alle Zweifel beseitigt und mich bestärkt diese Praxis auch an andere weiterzugeben. Es gibt immer wieder Menschen, die durch leidhafte Zustände gereift sind und dann einen Moment der Klarheit und des Loslassens erlebten. Vielleicht kann man diese Schlüsselmomente auch als Durchschauen durch alte, hinderliche Glaubenssätze beschreiben, die wir auf unserem Lebensweg aufgeschnappt haben und die unsere Wahrnehmung formen—ohne dass wir es bemerken.

Im Rückblick betrachtet hat mein gesamter Lebensweg—auch die getriebene Suche im Außen—zu meiner Entwicklung beigetragen. Unzählige Faktoren mögen zu dem beschriebenen Moment beigetragen haben: Die Gemeinschaft der Praktizierenden im Retreat; die angeleiteten Übungen, die mich empfänglich gemacht haben; mein Nichtwollen in diesem Moment; … Die Zusammenhänge sind zu komplex, um sie rational zu erklären. Momente der Einsicht und des Loslassens können wir nicht planen. Es gibt Lehrer die von diesen Momenten der Einsicht als Zufall sprechen und die Praxis als Mittel, das uns empfänglich für diesen Zufall macht. Wir beginnen häufig mit der Praxis, weil wir etwas ändern wollen und diese Grundintention ist sehr hilfreich. Jedes konkrete Wollen, irgendwohin zu gelangen, erzeugt aber Widerstände—und hilft uns nicht dabei still zu werden, damit das Leben uns berühren kann. 

Vielleicht kann man es so beschreiben, dass das konkrete Wollen ein konstruiertes, verzerrtes Bild erzeugt, wie wir die Wirklichkeit gerne hätten. Leider hat dieses konstruierte Bild oft nichts mit den tatsächlichen Gegebenheiten zu tun. Heute empfinde ich den beschriebenen Schlüsselmoment als das Erkennen eines konstruierten (wahnhaften) Zustandes, in dem ich durch die starke Identifikation mit meinen Glaubenssätzen gefangen war. In diesem Moment fand eher ein Ablegen bzw. ein Loslassen statt—kein Erreichen, bei dem ich aktiv etwas gemacht hätte, außer mit ganzem Herzen zu praktizieren.

Wir betonen hier auf Deeply Human immer wieder die Wichtigkeit einer verkörperten Praxis. Für Momente der Klarheit braucht es unsere gesamte Intelligenz. Der rationale, reflektierende Verstand hat seinen Platz—ebenso das fühlende Herz, der wissende Bauch, die ganze organische Intelligenz, die in jeder einzelnen Zelle vorhanden ist. Sehr unterstützend waren für mich zu diesem Zeitpunkt auch die Meditationen. Diese waren so angeleitet, dass mir die Komplexität und das Wunder des Lebens bewusst wurde. Wie wahrscheinlich ist es, dass wir überhaupt hier sind? Man braucht nur seine Ahnenreihe zu kontemplieren, die weit, weit in die Zeit zurückreicht. Dieser Lebensstrom, von dem wir ein integraler Bestandteil sind—der so fragil und gleichzeitig so robust ist. Würdest Du diese Zeilen lesen können, wenn auch nur einer Deiner Vorfahren durch einen dummen Unfall vor, sagen wir mal 3000 oder 150.000 Jahren umgekommen wäre?

Eine ganzheitliche Praxis weicht unsere harte Schale auf. Durch die Praxis erkennen wir, kein abgetrenntes, eigenständiges Ich zu sein. Ich bin enorm dankbar, dass der Typ auf dem „Vorher“-Bild mit einem Fingerschnippen in diesem Moment gestorben ist. Der Prozess, der zu einem Moment der Klarheit führen kann, ist komplex. Wir können nur ganzen Herzens praktizieren. Wir haben keine Kontrolle im herkömmlichen Sinne.

Lebendige Glaubenssätze

Ein Weg und ein Moment des Loslassens 1

Mai 2012

Alles ist sinnlos.
Ich will hier raus.
Ich muss mich verteidigen.
Mir fehlt was.

Ein Weg und ein Moment des Loslassens 2

Oktober 2013

Das Leben ist ein Wunder.
Danke, dass ich teilhaben darf.
Da ist niemand, der verteidigt werden könnte.
Mir fehlt nichts.

Nils Schmalenbach

Viele Menschen beginnen in krisenhaften Situationen, sich mit Meditation zu beschäftigen. Das war auch bei mir so. Ich habe 2001 während einer persönlichen Krise angefangen zu meditieren. 2017 absolvierte ich zusammen mit Andreas eine Achtsamkeitlehrerausbildung (MBSR) und gebe seitdem Kurse in verschiedenen Kontexten. Diese Arbeit machen zu dürfen, empfinde ich als großes Glück. Ich bin immer wieder erstaunt wie heilsam das gemeinschaftliche Praktizieren sein kann und wie sich meine eigene Praxis weiter entfaltet und vertieft. Das Leben ist unendlich kreativ und kennt keine Endpunkte.
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Tiefer Schauen

Inspiration

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Wie können wir Herzensqualitäten wie Freundlichkeit, Mitgefühl, Vertrauen in uns lebendig werden lassen? Welche anderen Potentiale sind mit diesen Qualitäten verbunden? Wie kann eine Praxis der Meditation und Kontemplation uns unterstützen, Zugang zu diesen Potentialen zu bekommen?

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