Eine Einladung zum Fragen stellen

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Diese Kontemplation von Andreas ist eine Einladung zum Fragen stellen. Wenn wir uns der Konsequenzen unserer kollektiven Sorglosigkeit bewusst werden, können Fragen wie „Was kann ich geben?“ hilfreich sein, um unsere Motivation für die Praxis zu festigen und zu vertiefen.

We’ve all been given a gift. The gift of life. What we do with our lives is our gift back.

Wofür eigentlich?

Etwa zweihundert Kilometer südlich von Madrid brennt die Sonne gnadenlos auf die Landebahn eines verlassenen Flughafens. Die Baukosten des ersten privaten Flughafens in Spanien belaufen sich auf über 400 Millionen Euro. Der Aeropuerto Central Ciudad Real wurde 2008 eröffnet und nur vier Jahre später wieder stillgelegt. Heute dient er als Kulisse für Werbefilmaufnahmen.

Zusammen mit einem Team von etwa 50 talentierten Filmemachern befinde ich mich am Set eines Werbespots für einen beliebten deutschen Sportwagenhersteller. Als Visual Effects Supervisor habe ich die Aufgabe sicherzustellen, dass alles innerhalb bestimmter technischer Parameter aufgezeichnet wird. Über ein Jahrzehnt Erfahrung in meinem Beruf waren notwendig, um mich unter den extrem herausfordernden (und oft chaotischen) Umständen am Filmset in die Lage zu versetzen, komplexe Sachverhalte abzuwägen und unter Zeitdruck die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auch die meisten anderen Teammitglieder der Filmcrew sind erfahrene Profis auf ihrem Fachgebiet. Einige Wochen später in der Postproduktion wird ein Team von ebenso talentierten Digital Artists über mehrere Wochen die gefilmten Szenen aufwendig nachbearbeiten.

Ich staune immer wieder über die Hingabe, mit der wir Filmemacher unseren Job machen. Nicht selten investieren wir scheinbar übermenschliche Mengen an Energie, Kreativität, Konzentration und Zeit in unseren Job. Wir ertragen inakzeptable Arbeitsbedingungen, führen hitzige Diskussionen mit Kollegen, machen unzählige Überstunden und vernachlässigen Familie und Freunde zugunsten unserer Arbeit. Manchmal haben wir Glück und arbeiten an einem Film, den wir uns selbst gerne im Kino anschauen. Zu anderen Zeiten arbeiten wir hart dafür, ein beliebiges Produkt gut aussehen zu lassen, mit dem wir keinerlei emotionale Verbindung haben—in meinem Fall wären das z.B. deutsche Sportwagen. Während diesen Zeiten habe ich mich oft gefragt: Wofür eigentlich?

Ja. Natürlich. Es ist ein Job und als Erwachsene müssen wir Dinge tun, die wir nicht unbedingt mögen. Was würde jedoch passieren, wenn wir uns ernsthaft die Frage stellen: Ist das was ich tue wirklich wertvoll genug, um meine begrenzte Lebenszeit und Energie dafür einzusetzen?

Ein unsichtbarer Elefant

Mitten im Raum steht ein unsichtbarer Elefant. Wir wissen, dass er da ist—aber wir vermeiden es über ihn zu sprechen. Unsere heutige Konsumkultur basiert auf der Frage: Was kann ich bekommen und wieviel davon? In der Tiefe unseres Herzens wissen wir, dass uns das Streben nach immer höheren Karrierezielen oder Wachstumsraten nicht glücklicher machen wird. Auch der Konsum von immer mehr Gadgets, Unterhaltung, Nachrichten oder gar Wissen wird uns keine anhaltende Zufriedenheit bringen—und dennoch handeln wir immer wieder aus diesen veralteten Verhaltensmustern heraus.

Wir stecken immer mehr Energie in eine alte kulturelle Geschichte, die in vielerlei Hinsicht untragbar geworden ist. Wenn wir achtsam sind können wir jedoch spüren, dass unsere Arbeits- und Lebensweise destruktiv geworden ist. Das Stellen von Fragen wie „Wofür eigentlich?“ oder „Was kann ich geben?“ kann ein potentes Gegenmittel für die zerstörerischen Kräfte unserer heutigen Konsumkultur sein. Unsere gegenwärtige Situation bietet einen geeigneten Kontext für diese Herzensfragen. Was kann ich geben, während die Folgen unseres sorglosen Handelns in Form von extremen Wetterereignissen, sozialer Ungerechtigkeit, Verlust der Artenvielfalt oder Artensterben für uns immer sichtbarer werden?

Die Herausforderung besteht darin, sich emotional—nicht nur intellektuell—den globalen Auswirkungen unseres modernen Lebensstils zu öffnen. Dieses Öffnen wird unweigerlich schwierige Gefühle wie Angst und Trauer in uns freisetzen. Unsere Praxis—und die aus ihr entstehende Stabilität—kann uns dabei helfen, diese Gefühle mit Gleichmut wahrzunehmen und zu erforschen, ohne dass wir uns in Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit verlieren. Mit genügend Geduld können wir unser immenses Potenzial für inneres Wachstum und kulturelle Transformation entdecken. In einer Welt, in der so viel Schaden angerichtet wurde, wird es viele Möglichkeiten geben zur Heilung beizutragen. Wenn wir uns die Folgen unserer kollektiven Sorglosigkeit bewusst machen, wird die Frage „Was kann ich geben?“ auf einmal greifbarer und weniger theoretisch. Stellen wir uns für einen Moment vor, wie wir die Energie, die bei der Herstellung und Vermarktung von Konsumgütern eingesetzt wird, beispielsweise in die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme umleiten. Es ist ein einfacher Richtungswechsel und dennoch scheint es in unserer gegenwärtigen Kultur, mit ihrer Besessenheit für sinnloses Wirtschaftswachstum, fast wie eine unmögliche Revolution des Geistes. Wir brauchen eine tiefgehende Praxis, die uns stabilisiert und gleichzeitig mitfühlend macht, um die destruktiven Konsequenzen unserer aktuellen Konsumkultur bewusst wahrzunehmen und in eine konstruktive Auseinandersetzung mit unseren Talenten und Problemen zu verwandeln.

You may give gifts without caring, but you can’t care without giving.

Die Frage leben

„Was kann ich geben?“ ist keine Frage, die intellektuell beantwortet werden kann. Im Zen-Buddhismus werden solche Fragen auch als Koan bezeichnet. Traditionell bekommen Zen-Schüler von ihrem Meister eine solche Herzensfrage mit auf den Weg, um aufzuwachen. Die Schüler werden ermutigt die Frage mit ihrem ganzen Wesen gründlich zu erforschen und vorschnelle, intellektuelle Antworten dabei nicht allzu ernst zu nehmen. Koans werden manchmal bildlich als heiß glühende Eisenkugel beschrieben, die man weder schlucken noch ausspucken kann. Verschiedene Traditionen haben unterschiedliche Konzepte entwickelt, um eine tief sitzende, altruistische Motivation zu entfesseln. Praktizierende im Mahayana-Buddhismus geloben, ein Bodhisattva zu werden—ein erleuchtetes Wesen, das die tiefsten Einsichten anstrebt, um alle Lebewesen von Leid zu befreien.

Vielleicht kann in unserer Zeit eine ehrliche und aufrichtige Erforschung der Frage „Was kann ich geben?“ eine starke Motivation sein, die eigene Praxis zu vertiefen. In der praktischen Umsetzung werden wir immer wieder feststellen, inwiefern die Frage  „Was kann ich bekommen und wieviel?“ unbewusst unsere Versuche beeinflusst, ohne ichbezogene Erwartungen zu geben. Die Struktur der Praxis kann mit einer Spirale, die in die Tiefe führt, verglichen werden. Auf unserem Weg werdem wir immer wieder zu bestimmten Wegpunkten zurückkehren—optimalerweise mit einer tieferen, umfassenderen und reiferen Perspektive.

Über die Dualität von Geben und Nehmen

Selbst in seiner reinsten Form ist die Frage „Was kann ich geben?“ letztlich eine Variation von „Was kann ich bekommen?“. Beide Fragen sind im Wesentlichen ichbezogen, da sie eine dualistische Wahrnehmung voraussetzen—zwischen mir, dem was ich gebe oder bekomme, und der Person, die es empfängt.

Auch wenn unsere noblen Absichten zu einem gewissen Grad mit ichbezogenen Bedürfnissen vermischt sind, so können wir sie dennoch als Ausdruck unseres zutiefst menschlichen Altruismus verstehen. Ein wichtiger Teil unserer Praxis besteht darin, heilsame Eigenschaften wie Großzügigkeit zu kultivieren. Schritt für Schritt erleben wir dadurch weniger ichbezogene, weniger konstruierte Geisteszustände. Sich darüber Gedanken zu machen, was wir der Welt (zurück)geben können, ist ein Schritt in diese Richtung. Natürlich dürfen wir diese tiefe altruistische Antriebskraft nicht mit krankhaften psychologischen Mustern verwechseln, wie dem sogennanten Helfer-Syndrom. Menschen die unter pathologischem Altruismus leiden, sind hauptsächlich von ihrem unbewussten Bedürfnis geleitet, sich selbst besser fühlen zu wollen. Dadurch helfen sie an den eigentlichen Bedürfnissen ihrer Mitmenschen vorbei. Ab einer gewissen Tiefe der Praxis sind wir jedoch in der Lage dieses krankhafte psychologische Muster zu durchschauen.

Als Meditierende erleben wir immer bewusster die scheinhafte, nicht greifbare Natur eines abgetrennten „Ich“—und erfahren auch immer wieder das damit verbundene Leid. Eine ehrliche Erforschung der Frage „Was kann ich geben?“ kann als Tor zu tieferen Einsichten gesehen werden—durch die wir über die Dualität von geben und nehmen hinauswachsen können. Während sich die Praxis im Laufe der Jahre vertieft, schwindet die gefühlte Dualität zwischen „mir“ und „der Welt“ und eine tiefgreifende, bisher unvorstellbare Freiheit und Verbundenheit tritt an ihre Stelle. Bis sich diese zutiefst menschlichen Eigenschaften jdeoch in unserem Leben stabilisiert haben, erhöht unsere Praxis die Chance, immer wieder Momente der Stille zu erleben, die uns tiefe Einblicke in unser Potenzial für inneres Wachstum gewähren.

Der Geschmack von Freiheit

Als ich schwitzend auf der überhitzten Landebahn des stillgelegten Aeropuerto Central Ciudad Real stand, ahnte ich nicht, dass ich schon bald einen solchen Moment der Stille erleben würde. In der Nähe eines kleinen Dorfes mitten im Nirgendwo war das Filmteam in einem luxuriösen Hotel untergebracht, das—ironischerweise—früher einmal ein Kloster war. Als die Sonne unterging, verwandelte sich die Hitze des Tages in eine angenehme Wärme. Irgendwie schaffte ich es, mich vom allabendlichen Small Talk mit den Kollegen wegzustehlen, um einen Spaziergang am Feldrand hinter dem Dorf zu machen.

Sommerspaziergang

Da ist er
Er kommt also von nirgendwo
und er geht nirgendwo hin
Zwei flackernde Lichter in der Ferne
bellende Hunde
warmer Wind auf der Haut
ein sicherer Stand auf der Erde
so friedlich – inmitten von Allem
Wenn das Herz aufgeht
schließt es nichts aus
und es fügt auch nichts Unnötiges hinzu
Da ist er
der Geschmack von Freiheit

Andreas Frickinger

Andreas Frickinger

Nach einer persönlichen Lebenskrise im Jahr 2012 begann ich zu meditieren. Seitdem bin ich immer wieder erstaunt, wie sich meine Meditationspraxis über die Jahre verändert und vertieft hat. 2017 absolvierte ich eine Ausbildung zum MBSR-Lehrer. MBSR steht für achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction). Zusammen mit Nils Schmalenbach entwickelte ich die Idee für eine Website zum Thema inneres Wachstum und Kulturwandel. Das vertiefte Erleben von Freiheit und Zufriedenheit durch meine eigene Praxis hat mich dazu motiviert, Meditation zu vermitteln und andere Menschen in ihren Entwicklungsprozessen zu begleiten.
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Inspiration

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Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus glaubt, dass wir heute Filme machen und Geschichten erzählen müssen, die den Wunsch wecken eine neue, schönere Welt mitzugestalten. In unserem Dokumentarfilm „Kulturwandler – Wege in eine lebenswerte Zukunft“ begleiten wir Menschen, die aktiv einen Kulturwandel mitgestalten, der von Kooperation, Menschlichkeit und nachhaltigem Denken geprägt ist.

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