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Herzensqualitäten – Interview mit Lila Kimhi

Wie können wir Herzensqualitäten wie Freundlichkeit, Mitgefühl, Vertrauen in uns lebendig werden lassen? Welche anderen Potentiale sind mit diesen Qualitäten verbunden? Wie kann eine Praxis der Meditation und Kontemplation uns unterstützen, Zugang zu diesen Potentialen zu bekommen?

Über Lila

Lila Kimhi wurde in Israel geboren und lebte später in den USA und in Paris. Sie studierte Psychologie, Journalismus, Indische Philosophie und Sanskrit. 1998 verließ sie ihr früheres Leben, um sich in Indien und Thailand eingehend mit Meditation zu befassen. Sie begann 2004 auf Einladung von Christopher Titmuss zu unterrichten. Seitdem lehrt sie die Praxis der Meditation und bietet Meditierenden ihre Begleitung in Retreats u.a. in Deutschland und Israel an.

MeditationsRetreat Mit Lila Kimhi

Es ist von unschätzbarem Wert von erfahrenen Meditierenden direkt zu lernen. Die Tiefe ihrer Erfahrung kann für die eigene Praxis sehr unterstützend sein. Ende Oktober 2019 wird Lila Kimhi wieder für ein Einsicht-Meditationsretreat auf dem Pauenhof sein.

Der Verstand erzeugt den Abgrund, das Herz überwindet ihn.

Nisargadatta Maharji, Indischer Weiser, 1897-1981 Tweet

Deutsche Übersetzung des Interviews

Nils: Willkommen bei Deeply Human. Dies ist ein Gespräch mit Lila Kimhi, Meditationslehrerin aus Israel und wir wollen die Eigenschaften des Herzens erforschen.

Wir haben gerade einen fünftägiges Schweigeretreat beendet, bei dem es darum ging, tief in die Freiheit einzutauchen, was sehr stark mit der Kultivierung und Erforschung der Herzqualitäten verbunden ist. Wir wollen ein wenig darüber reden. Lila, möchtest du dich vorstellen—vielleicht erzählen, wie dein Interesse geweckt wurde, den Weg der inneren Erforschung zu gehen?

Lila: Sicher. Also ich begann mit meiner Praxis, als ich 30 Jahre alt war. Das war vor 20 Jahren. Ich hatte ein ganz normales Berufsleben als Sprecherin einer Organisation. Ich lebte inmitten des Alltags mit all seinen Komplikationen und Annehmlichkeiten. Es war ein wirklich ganz normales Leben, aber ich hatte dieses Gefühl, dass etwas fehlte und so suchte ich nach Möglichkeiten zur Einkehr. Damals gab es in Israel kaum etwas in dieser Richtung, aber dann erzählte mir jemand von einem Vipassana (Pali: Einsicht) Meditationsretreat. Sehr naiv ging ich dorthin ohne eine Ahnung zu haben, worum es geht. Was würde mich wohl erwarten? Es war ein 10-tägiges Meditations-Retreat – wahrscheinlich das Härteste, was ich bis dahin in meinem Leben gemacht hatte.

Dieses erste Retreat hat mich völlig verändert.

In gewisser Weise würde ich sagen, dass die Dinge, die ich damals erkannt habe, ein Wegweiser für mich waren weiter in diese Richtung zu gehen: Das Frieden und Liebe möglich sind. Neben dem Schmerz und den Qualen und auch der Freude, die wir alle im normalen täglichen Leben erfahren, ist eine andere Art, innerlich wie äußerlich zu leben möglich. Ich begann weiter nach dieser Art zu meditieren Ausschau zu halten und weil ich in Israel nichts Ähnliches finden konnte, kaufte ich mir ein Ticket und ging nach Indien um zu praktizieren. Ich dachte, es würde für eine sehr kurze Zeit sein, aber am Ende blieb ich ein ganzes Jahr, in dem ich hauptsächlich praktizierte. Ich ging von Retreat zu Retreat in Klöstern in Indien und Thailand und als ich nach Israel zurückkehrte, war ich auf vielen Ebenen nicht mehr dieselbe. Derselbe Mensch kehrt zurück, aber etwas sehr Tiefes in mir hat sich verändert und umgewandelt.

Von da an war das mein Leben. Mein Leben konzentriert sich auf das Praktizieren, Lernen und Lehren, was natürlich auch eine Form der Praxis ist. Mit meinem Herzen bin ich bei Allen, die Meditation ausprobieren möchten und vielleicht am Anfang stehen und sich noch nicht sicher sind und sich fragen: „Worum geht es eigentlich?“ Ich liebe es einfach, meine Unterstützung anzubieten und die Früchte der Praxis, die ich erhalten habe, mit anderen zu teilen. Das ist es, was ich in Israel und mittlerweile auf der ganzen Welt tue.

Nils: Vielleicht fasse ich es für die Leser zusammen, die noch nicht auf einem Retreat waren, was wir hier in den letzten fünf Tagen gemacht haben. In diesem Retreat haben wir meditiert und Yogaübungen gemacht. Wir haben also durch das Yoga auch Verkörperung kultiviert, kann man vielleicht sagen. Wir haben Geistesqualitäten kultiviert und beides passt gut zusammen oder vielleicht muss auch beides zusammen kultiviert werden.

Zu Beginn des Retreats kommen wir vielleicht aus einem sehr geschäftigen Leben und der Geist ist immer noch sehr aktiv und wir versuchen zuerst in Stille zu sitzen und unseren Geist zu stabilisieren und zu sammeln. Es ging sehr darum, zur Atmung zurückzukehren, draußen in der Gehmeditation ging es am Anfang darum, immer wieder zurück in die Füße zu kommen—um Sammlung und Konzentration zu kultivieren.                                                        

Ab dem zweiten, dritten Tag ging es mehr um eine Art sich zu öffnen, sich ins Sein hineinzuentspannen. Nicht mehr so sehr zu versuchen, die Wahrnehmung auf einen besonderen Punkt zu fokussieren, sondern eher sich der ganzen Erfahrung zu öffnen. In diesem Retreat wurde mir sehr klar, dass dies der natürliche Weg der inneren Praxis oder des spirituellen Weges ist: Der Verstand ist die ganze Zeit sehr aktiv und zuerst gibt man ihm Raum, um sich zu beruhigen. Anfangs benutzt man ein Meditationsobjekt, um ihn zu sammeln und dann ist es wirklich so, als ob sich ganz natürlich eine andere Intelligenz manifestieren kann, die viel mit den Herzqualitäten zu tun hat.

Am Ende geht es bei der Achtsamkeitsmeditation von vornherein sehr viel um Freundlichkeit. Man sieht, welche Bewegungen der Verstand macht und fühlt die Emotionen, die kommen und gehen, aber man schaut alles immer mit einem freundlichen Blick an und in einem Schweigeretreat wird diese Qualität viel stärker und stabiler und so viele andere Herzqualitäten können sich zeigen, zu denen wir auf eine bestimmte Art Zugang bekommen können. Es ist, als würde unser geschäftigter Verstand diese überdecken.                                                                                      

Ist es ein bisschen so?

Lila: Ja. Genau. Also, es ist wirklich so und du hast es sehr schön beschrieben. Es geht um eine andere Art von Intelligenz, denn normalerweise sind wir irgendwie in unserem Kopf eingesperrt und im Halbschlaf oder auf Autopilot. Dinge, die unser Leben bestimmen, sind häufig nicht sehr angenehm. Es gibt Ängste, Sorgen und wir können wirklich hart mit uns selbst sein, uns bestrafen oder manchmal wirklich wütend auf uns selbst werden. Wir fühlen uns schuldig über Dinge, die in der Vergangenheit passiert sind oder wie wir jetzt sind. Oft ist die innere Landschaft auf diese Weise recht schmerzhaft. Die innere Bewegung ist dann eine Bewegung der Angst—könnte man vielleicht verallgemeinernd sagen. Etwas in uns schaltet ab und verschließt sich, um uns zu beschützen, aber das ist letztlich eine sehr schmerzhafte Art zu leben.

Die Praxis und die Lehre weisen auf eine andere Art von Sein in der Welt hin, mit unserem ganzen Herzen, mit unserem Verstand, mit unserem Körper. Freundlichkeit ist da eine sehr wichtige Eigenschaft. Weisheit ist eine andere. Klarheit ist wieder eine andere und sie gehören alle zusammen—sie sind in gewisser Weise gute Freunde. Sie bestärken sich gegenseitig.

Aber für den Anfang—nur um das klarzustellen—setzen wir uns einfach hin und untersuchen die vielen Möglichkeiten, wie der Verstand arbeiten kann, Geschichten erzählt, Dinge aus der Vergangenheit hervorholt, sich vor der Zukunft fürchtet. Wir setzen uns einfach ganz in Stille hin und sammeln unseren Geist, zurück zum Körper, zurück zum Atem. Dieses Zurückholen wieder und wieder und wieder, das ist die Übung. Der Verstand rennt überall hin. Er gehorcht nicht. Ihm ist es egal, ob wir gesammelt sein möchten. Er ist einfach überall, aber wenn wir es wie bei den Yogaübungen immer wieder wiederholen, genau wie jede andere Sache, die du zu lernen beginnst, wie z.B. Klavierspielen oder Laufen, alles was am Anfang schwierig und sehr schwierig erschien, wird sich mit der Zeit ändern. Es wird sich mit der Praxis ändern.

Nach einiger Zeit lernt der Geist sich mehr und mehr zu sammeln und Qualitäten wie Klarheit können sich zeigen. Und es ist so wichtig, freundlich zu sein, besonders mit den ersten Schritten, weil wir unter Umständen denken: „Oh, das ist so schwierig. Ich bin so schlecht darin. Vielleicht ist es nichts für mich. Ich bin ein Versager.“ Wir können in unsere üblichen Muster fallen, uns selbst runterzumachen.                                                                              

Das pure Erkennen dessen, was vor sich geht, reicht in der Regel nicht aus. Es muss von Akzeptanz, von Freundschaft, von Herzlichkeit begleitet sein. Das ist schon ein guter Anfang. Etwas in unseren Schutzschichten, in unserem Mechanismus, sich vor der Welt zu schützen, wird etwas flexibler, etwas weniger intensiv. Und die Sonne kann sozusagen durch diese schweren, dicken Wolken scheinen.

Nils: Ja, es geht wirklich sehr stark um Erfahrung. Und eine sehr lebendige Praxis. Man muss Sie wirklich schmecken. Wenn man nur darüber nachdenkt…Der Verstand hat seine Grenzen, um mit alldem umzugehen.

Lila: Wenn du nur ans Tennisspielen denkst – ich glaube nicht, dass du im Tennis sehr weit kommst, aber wenn du wirklich Tennis lernen und üben willst, musst du es einfach tun. Tauche ein. Und beginne. Und scheitere. Und beginne wieder und wieder. Eigentlich existiert Scheitern nicht wirklich, denn jeder Moment, in dem du bemerkst, dass dein Verstand sich verstreut hat und mit einer Million Sachen befasst ist, jeder Moment, den du bemerkst –  ist ein Moment des Erwachens. Es ist ein Moment der Achtsamkeit und dieser zieht einen weiteren Moment der Achtsamkeit nach sich. Vielleicht nicht sofort, aber dennoch pflanzt man die Samen der Achtsamkeit.

Nils: Ich fand es sehr hilfreich, wie du es erklärt hast, was du gerade gesagt hast. Diese Verschiebung der Sichtweise: Wenn ich diesen Moment von „Ah, ich bin wieder abgedriftet“ habe oder erkenne, dass mein Verstand schon wieder mit einer Geschichte befasst ist, ist dies ein Moment der Freiheit. Wir sind oft dermaßen in diesen Versagens- und Selbstverurteilungsmustern gefangen.

Lila: Ja, wir sind süchtig danach.

Und es geht so sehr darum, unseren Standpunkt zu ändern. Denn der Standpunkt, den wir haben, bestimmt unsere Erfahrung. Er bestimmt unser Wohlbefinden in der Welt und normalerweise kennen wir einige unserer Ansichten, aber andere sind ziemlich unter der Oberfläche versteck. Und es dauert einige Zeit für uns, zum Beispiel bei einem Retreat, wenn du anfängst zu verstehen, was die versteckten Ansichten sind.

Versteckte Ansichten, die du über dich selbst, über die Welt, über andere Menschen hast. Zum Beispiel könnte man denken: „Ah, die Welt ist kein sicherer Ort.“ So wird er oder sie immer das Bedürfnis verspüren, sich zu schützen, und das kann sich in vielen Formen manifestieren, auch in Form eines Zumachens. Und wenn du dich zumachst, schließt du auch die Freundschaft und die Liebe aus. Aber wenn wir anfangen, es auf diese Weise zu untersuchen: Ist das wahr? Ist es immer so, dass die Welt gefährlich ist? Ist es wirklich wahr? Wir beginnen zu erkennen: Nun, so ist es nicht wirklich. Und in diesem Moment können wir uns zum Beispiel ausruhen und entspannen. Wir lehren den Verstand tatsächlich eine andere Art, in der Welt zu sein. Und es geht so sehr um die Praxis.

Du kannst nicht einfach darüber lesen.

Nils: In unserem Blog wollen wir den Blick darauf lenken, wie sehr der kulturelle Narrativ uns beeinflusst. Du hast über dieses innere Gefühl der Knappheit gesprochen und wie zum Beispiel das Geldsystem, diese Gefühle verstärkt oder das Bedürfnis nach Kontrolle oder Sicherheit, wie es auch Angst hervorruft. Eine Meditations- und Reflektionspraxis kann auch dazu führen, dass wir uns dieser kulturellen Geschichten etwas mehr bewusstwerden, die wir geerbt haben oder die wir als Kinder einfach übernommen haben und die unsere Wahrnehmung sehr subtil prägen.

Lila: Genau. Wir sind in diese Denkweise hineingeformt worden, die nicht unbedingt gut oder gesund für uns ist. Sie ist natürlich. Es ist natürlich, Angst zu haben. Es ist natürlich, sich vor Schmerzen zu verschließen, aber es ist nicht die beste Umgangsweise, denn wenn wir uns verschließen, sperren wir den Schmerz ein, wir sperren die Angst im Inneren ein und unsere ganze innere Landschaft wird zu einer der Angst.                                                                 

Die kontraintuitive Bewegung wäre, sich zu öffnen und mit der Angst zu arbeiten zum Beispiel und sich dann mehr und mehr zu öffnen. Vielleicht sogar sich mit dieser inneren Bewegung zu befreunden, die wir Angst nennen.

Worum geht es bei dieser Angst? Was ist die Ansicht, die der Angst zugrunde liegt? Es gibt immer eine Art Ansicht. Was ist das für eine Ansicht? Kann ich damit Frieden schließen? Mit der Ansicht, mit der Angst. Kann ich es ändern? Gibt es eine andere Sichtweise auf diese Dinge? Stückchen für Stückchen und mit viel Feingefühl nähern wir uns den Dingen. Wie ein Künstler in gewisser Weise. Wir sind Künstler unseres Lebens. Dazu gehört auch, ein wenig ein Doktor zu sein, ein wenig ein guter Elternteil zu sein. Im Grunde erziehen wir uns nochmal selbst. Eigentlich gefällt mir wirklich das Bild der Großmutter—diese Energie der Fürsorge und des Mitgefühls und der Freundlichkeit. „So funktioniert unser Verstand nunmal. Ich habe diesen Verstand nicht erschaffen. Ich habe nicht darum gebeten. Es ist einfach so, wie es jetzt ist.“ Und wenn ich es bemerke, kann ich jetzt anders handeln. Macht das Sinn?

Nils: Absolut. Es gibt manchmal Sätze in einem Retreat, die einen wie vor den Kopf stoßen. Und ich weiß jetzt nicht mehr die genaue Formulierung, aber es war ein Thema, bei dem du gesagt hast: Diese Gewohnheitsmuster, wie vielleicht Selbstverurteilung oder Selbstvorwürfe kommen daher, weil wir uns um die Welt kümmern. Es kommt am Ende von einem guten Herzen. Vielleicht kam dieses Gewohnheitsmuster durch Erziehung, Kultur, Lebensgeschichte, was auch immer in die Welt, aber die Wurzel davon ist eine tiefe Fürsorge für die Welt.

Ich mochte es so sehr, weil es so sehr auf unsere… diese angeborene Güte, die es in uns gibt hinweist. Mir fielen diese Forschungen ein: Kleine Kinder in Situationen, wo jemand Hilfe braucht und in denen sich ganz natürlich die Anlage zeigt, zu helfen.

Lila: Ja.

Nils: Und wenn du anfängst, sie zu belohnen, hören sie damit auf.

Lila: Ja. Das Modell ist wirklich die Buddha-Natur, die wir alle haben und die manifestiert Liebe und Freundschaft und Mitgefühl ganz leicht und ohne Probleme, genau wie die Sonne, aber dann kommen die Wolken. Riesige, schwere Wolken oder viele Wolken und sie verbergen die Sonne. Nun, wenn man darüber nachdenkt, sind sie im Vergleich zur Sonne so winzig, aber trotzdem von dort, wo man steht und nach oben schaut ist die Sicht verdeckt.

Die Wolken verbergen die Sonne, aber die Sonne ist immer da. Die Sonne interessiert es nicht, ob die Wolken da sind oder nicht – sie scheint. Das ist ihre Natur, aber wir sind verwirrt und denken: „Das ist es, wie ich bin. Ich bin diese oder jene Wolke. Sie ist so schwer. Es ist so schrecklich.“

Und wenn wir mehr Schritte auf sie zu machen, beginnen wir zu entdecken, dass auch Wolken eine schöne Sache sind. Sie geben uns Wasser, sie sind Teil des Lebenszyklus. Wir können uns zum Beispiel unsere Ängste oder unser Selbstverurteilung ansehen—das ist eine sehr schmerzhafte innere Bewegung und die meisten Menschen in den meisten Ländern, die ich kenne, leiden sehr darunter. Wenn du dir das aber wirklich genau ansiehst, wirst du diese kleine Stimme im Inneren hören, die zu dir sagt: „Ich will, dass es dir bessergeht. Ich liebe dich, deshalb möchte ich, dass du besser wirst. Ich möchte, dass du ein besseres Leben hast. Deshalb möchte ich, dass es dir bessergeht.“

Aber natürlich ist die Methode schrecklich und sie hat nie funktioniert. Nicht in der Bildung und nicht bei uns selbst. Also sollten wir die Methode ändern, aber nicht anfangen die Selbstverurteilung hassen. Verstehen, dass unser Umgang in die falsche Richtung gegangen ist und dies aus Unwissenheit entstanden ist. Es gibt da ein gutes Herz, aber es ist in die falsche Richtung gegangen. So ist Unwissenheit das erste, was uns Leid zufügt. Aus Unwissenheit entstehen alle Arten von Bäumen, die für uns nicht hilfreich sind—wie Gier, wie Hass. Sie gehen aus diesem Geisteszustand heraus, und wenn wir uns selbst genau betrachten, beginnen wir zu erkennen: Das ist Unwissenheit, die gerade jetzt spricht.                               

Was kann ich tun?
Wie kann ich es anders sehen?
Beginne zu erforschen, sitze ruhig, warte darauf, dass das Leben zu dir kommt.

Es gibt viele Wege, die die Kunst der Meditation und der Befreiung gehen kann. Viele Flüsse. Es ist gut, sie zu kennen, und es ist eine sehr privilegierte Möglichkeit, dies in einem Retreat zu lernen. Es ist intensiver, es ist für einige Tage am Stück. Es gibt Anleitung durch Lehrer. Ich empfehle es wirklichen allen, die sich die Zeit nehmen können und für die, die nicht auf ein Retreat gehen können, gibt es immer noch Selbstübungen, die man zu Hause mit Anleitung machen kann—oder mit deiner Anleitung in Gemeinschaft, was wunderbar ist. Es ist wirklich eine wirklich gute Idee.

Nils: Ja, wie du gesagt hast, es ist so wichtig, Gleichgesinnte zu treffen. Wenn ich Kurse gebe—es gibt da eine Meditationsgruppe, die sich in meinem Raum trifft und ich empfehle dann den Kursteilnehmern dort weiter zu üben und langsam, langsam wächst die Gruppe. Die Gemeinschaft und auch der Austausch ist so heilsam.

Lila: Ja, das ist es.

Nils: Es ist ein großer Teil des Weges.

Lila: Ja, wir erkennen, dass wir nicht die Einzigen sind mit dieser Art von Gedankenproblemen, Geschichten und Projektionen. Wir hören die anderen und etwas in uns wird ausgelöst: Zum Beispiel Mitgefühl, wenn jemand eine schmerzhafte Geschichte erzählt. Wir können uns dort wirklich wiederfinden und damit üben. Auch Mitgefühl ist eine Praxis. Alle Qualitäten des Herzens—sie sind da, aber es sind so viele Schichten dazwischen und diese Schichten verbergen die Ansicht, sozusagen Schichten oder Wolken, diese Art von Bild, passt ganz gut. Es ist gut zu lernen, wie man mit den Schichten arbeitet, aber es ist auch ebenso gut zu verstehen, dass diese Schichten keine Fehler sind. Sie sind da, um uns zu schützen, aber sie entspringen der Unwissenheit. Wie können wir also mit ihnen arbeiten, um sie lockerer werden zu lassen und letztendlich sogar loszulassen? Damit die Sonne wirklich scheinen kann.

Nils: Ja, dass sie ihre gute Seite zeigen können.

Lila: Ja, genau. Und auf einem Retreat oder sogar einer Meditationssitzung zu Hause können wir das wirklich erforschen. Wir können vielleicht eine Enge im Herzen fühlen oder es treten emotionale Schmerzen auf und wir sitzen einfach sehr ruhig damit und beobachten die Körperempfindungen. Und dann stellen wir vielleicht die Frage: Was ist jetzt gerade in mir los? Woran glaube ich im Moment? Was ist meine Ansicht? Oh, ich denke: „Ich bin ein Versager“, sagen wir mal. Dies ist eine recht verbreitete und schmerzhafte Ansicht. „Ich bin ein Versager. Ich habe bei der Arbeit versagt. Jetzt bin ich nicht gut in der Meditation.“

Oh, das ist so schmerzhaft, sich so zu fühlen.

Was steckt dahinter? Nun, wir können zur Lebensgeschichte und all dem zurückgehen, Vater, Mutter, Kultur natürlich, aber letztlich habe ich diese Ansicht übernommen: Wenn ich das Gefühl habe, dass ich ein Versager bin, wird mich das vielleicht motivieren, besser zu werden. Es gibt also eine Art von Freundlichkeit, verdrehte Freundlichkeit, könnte man sagen, dahinter, aber die Freundlichkeit ist wichtig. Dann können wir mit Freundlichkeit sagen: „Ah, ich verstehe. Ich sehe, du willst mir helfen. Ich danke dir vielmals. Aber das ist eigentlich kein guter Weg, um mir zu helfen, indem du mich bestrafst oder mich hasst oder was auch immer.“ Also nehmen wir die Energie von diesen schmerzhaften Mustern weg.   Wir erforschen sie. Wir können auch „nein danke“ sagen. Wir hassen sie nicht, aber dann gehen wir in eine andere Richtung.

Nils: Ja, das ist es, was du in einem früheren Retreat gesagt hast, dass es im Grunde nur zwei innere Grundbewegungen gibt und eine davon ist Angst die sich zusammenzieht und das Gefühl der Trennung vermittelt und Härte in sich hat und sich nicht gut anfühlt. Und die andere ist dieses Gefühl der Liebe, die verstehen will, egal was auftaucht und die die Fähigkeit hat, das zu tun, oder? Aber es ist wieder so: Man muss es ein wenig schmecken. Du musst es kultivieren. Jemand, der starke Gefühle der Angst oder starke Bewegungen des Selbsturteils hat, für den mag es ein Hindernis sein mit einer Praxis anzufangen, weil der Verstand vielleicht denkt: „Oh, das wird mich überwältigen oder ich kann es nicht schaffen damit umzugehen.“

Lila: Ja, ja genau. Du musst wissen, wie man mit diesen schmerzhaften Zuständen des Geistes und der Emotionen umgeht. Und ja es gibt eine ganze Menge zu sagen über diese verschiedenen inneren Bewegungen und in den alten Lehren gibt es dazu verschiedene Auflistungen. Aber am Ende des Tages es läuft auf diese beiden hinaus. Entweder man verschließt sich und die Negativität mit Angst, Hass, Gier, Ignoranz und mit anderen sehr schmerzhaften Zuständen von Geist und Herz ist da. Oder Du öffnest Dich und dann gibt es Liebe, Mitgefühl, Freundschaft, Freundlichkeit, Großzügigkeit…

Nils: Selbstvertrauen

Lila: Selbstvertrauen, Energie. Ja. Ja, es ist interessant. Es gibt in den alten Texten von der Lehre des Buddha vor zweitausendsechshundert Jahren diese Geschichte, in der der Buddha eine Anweisung für diese Gruppe von Mönchen und Nonnen gab, die im Wald praktizierten. Der Wald beherbergte alle Arten von Kreaturen und Geistern, vor denen sie große Furcht hatten. Sie machten ihnen wirklich Angst. Wenn wir diese Art von Geschichten auch als Mythos sehen können, gibt es da etwas, das wir daraus lernen können. Also gingen sie zum Buddha und sagten zu ihm: „Bitte gib uns einen anderen Ort zum Üben. Das ist zu beängstigend. Wir können nicht üben. Wir haben die ganze Zeit schreckliche Angst.“ Der Buddha gab ihnen natürlich keinen weiteren Fluchtweg, aber er gab ihnen eine Waffe, wie er es nannte. Etwas, das euch hilft, die Angst zu bekämpfen. Nun, er auch eine Art Krieger, also benutzte er diese Art von Worten. Wir mögen diese in unserer Kultur nicht mehr so sehr und wir können sie austauschen.                                                                            

Aber er lehrte sie die Praxis der Liebe und es ist eine Praxis. Liebe, Mitgefühl oder Großzügigkeit, genau wie Angst und Hass sind in uns angelegte Potenziale. Deshalb müssen wir sie kultivieren. Es ist eine Praxis, die Sonne scheinen zu lassen. Es ist eine Übung, die Wolken oder die verschiedenen Schichten, die sie verdecken, aufzulösen. Und in gewisser Weise, wenn man es sich in sich selbst ansieht, diese Bewegung der Liebe—sieht man: Es ist eine Offenheit. Es ist eine Bewegung der Offenheit. Und Angst ist eine Bewegung des Verschließens. Sie können nicht koexistieren. Es ist entweder oder, wirklich.                                 

Es scheint, als ob sie koexistieren, aber wenn man sie wirklich von Moment zu Moment genau betrachtet, wechseln sie sich ab. Wenn Liebe präsent ist, kann Angst nicht da sein und umgekehrt. Deshalb sind wir wirklich eingeladen, diesen Baum der Liebe zu nähren, ihm Wasser zu geben, ihm Nahrung zu geben, ihn zu pflegen, damit er in unserem Herzen und in unserem Geist wächst. Und die anderen Bäume, die weniger gut für uns sind, wie Angst, wie Hass, wie Illusion. Sie werden immer weniger und immer weniger wachsen—sie können sogar ganz verschwinden. Ja, das ist möglich.

Nils: Das ist großartig. Ja, du hast gesagt, dass es so ist, als wäre es beides: Es ist eine Frucht der Praxis. Für mich ist es manchmal… Ich habe dieses Gefühl: Wir bekommen Zugang zu diesen Energien, die verdeckt sind, aber da sind.

Lila: Ja.

Nils: Wir können mit unserem Geist arbeiten, wir können unseren Geist formen. Es gibt so viel Potenzial. Ich denke in der letzten Zeit immer wieder darüber nach, dass das Leben unendlich ist. Jeder Samen, jeder Grashalm, jede Person, alles ist ein einzigartiger Ausdruck des Lebens. Wie viel Potenzial in uns allen steckt. Auf der einen Seite ist es harte Arbeit, auf der anderen Seite sind Änderungen auch innerhalb von Wochen möglich, nicht wahr? Wenn du einen Geschmack bekommst. Wenn du einen Geschmack der Erfahrung hast. Es ist immer gut, einen theoretischen Hintergrund zu haben, um zu wissen, was man tut, aber andererseits ist es die gelebte Erfahrung, die wie die Intelligenz oder die Weisheit des Körpers sich nicht in Worten ausdrückt. Es ist nicht Sache des Verstandes, mit dieser Art von Energien in Kontakt zu kommen.

Lila: Ganz genau. Wir wollen also wirklich unter den normalen Alltagsverstand gehen, der so sehr mit Angst, mit Abneigung beschäftigt ist—oft, natürlich nicht immer.

Es ist keine Lehre oder Praxis des Transzendenten. Am Ende des Tages ist unser Alltag unser Meditationskissen. Es geht nicht darum, in einem Kloster irgendwo weit weg in Indien zu leben. Es geht eigentlich darum, unseren Alltag mit unseren Familien, unseren Jobs, unseren Partnern, unseren Kindern, unseren Freunden zu leben und diese Fähigkeit, diese wunderbare menschliche Fähigkeit zu pflegen, nämlich zu lieben und offen für das Leben zu sein. Mit Weisheit leben. Um die richtige Antwort zu finden. Wir verlassen den Reaktionsmodus und wechseln in den Aktionsmodus. Apropos Verantwortung.

Nils: Ja. Das war ein Thema hier auf dem Retreat. So ein tolles Wort „Reaktionsfähigkeit“.

(Hier geht es um das Wort Responsibility. Englisch: Verantwortung. Das Wort kann in zwei Worte gegliedert werden. Responsebedeutet Antwort, Reaktion. Abilitybedeutet die Fähigkeit. Verantwortung bedeutet in diesem Kontext mit der Fähigkeit ausgestattet sein, die richtige, passende Antwort oder Reaktion finden zu können—Anmerkung des Übersetzers.)

Lila: Genau. Die Fähigkeit zu reagieren. Nicht mehr so automatisch zu reagieren ist extrem hilfreich für sehr viele von uns.

Nils: Ja.

Lila: Wir beginnen einen anderen Blick nach Innen zu werfen. Wenn wir unsere innere Welt verändern, beginnt sich auch etwas in der äußeren Welt zu verändern. Es ist eine Kettenreaktion. Es muss so sein. Wir machen das nie nur für uns selbst. Sonst wäre es das nicht wert. Wirklich. Natürlich sind wir die ersten, die davon profitieren. Wir fühlen uns gut mit uns selbst und mit der Welt, aber dann ist es ansteckend. Es berührt alles. Genauso wie die Angst. Es ist leicht, Menschen Angst zu machen oder sich isoliert zu fühlen oder ein Gefühl von „sie gegen uns“ hervorzuholen, das mit Vorurteilen und Projektionen beladen ist. Der Verstand ist sehr schnell in der Lage das zu tun, aber gleichzeitig ist er auch in der Lage, das Gegenteil zu tun, was eine sehr gute Nachricht ist. Es braucht nicht viel als Mensch, um sich zu verschließen, aber es braucht auch nicht viel, um sich zu öffnen.

Warum wählen wir also nicht die bessere Option für unser Leben?

Nils: Ja, wir sind so kreativ.

Lila: Ja.

Nils: Ich glaube, es war auch auf dem Retreat: Das ist wie… eine Mitgestaltung (Englisch: cocreation), eine tiefe Teilhabe an unserem Leben. Und wir tun es auf die eine oder andere Weise mit mehr Bewusstheit, was sich in Klarheit und Offenheit und Liebe und all den Eigenschaften ausdrückt und sich auch wirklich gut anfühlt.

Lila: Wir haben die Macht, es zu tun. Das ist das Schönste daran. Wir treten zurück in unsere Macht. Wir sind keine hilflosen Opfer. „Ok, das ist mein Leben. Das ist meine Geschichte, das ist der Verstand, den ich habe.“ Nein. Das ist nur der Anfang und dieser Moment, dieser Moment, in dem Du uns gerade jetzt zuhörst… Wer weiß, wo und wann, aber in diesem Moment geschieht dein Leben. Und in diesem Moment hast Du die Möglichkeit zur Veränderung.

Nils: Ja… wunderschön. Das sind schöne Schlussworte für unser kleines Gespräch. Es ist ein sehr tiefgehendes Thema, das wir noch lange erforschen könnten. Vielleicht siehst Du (lieber Leser) diesen kleinen Vortrag als Appetitanreger, um in die Praxis einzutauchen, vielleicht als Anregung noch mehr Informationen zu bekommen.

Möge dieses Gespräch Dir helfen, ein kreatives Leben in Schönheit und Offenheit zu führen.

Lila: Sehr schön, Möge es so sein.

Nils Schmalenbach

Viele Menschen beginnen in krisenhaften Situationen, sich mit Meditation zu beschäftigen. Das war auch bei mir so. Ich habe 2001 während einer persönlichen Krise angefangen zu meditieren. 2017 absolvierte ich zusammen mit Andreas eine Achtsamkeitlehrerausbildung (MBSR) und gebe seitdem Kurse in verschiedenen Kontexten. Diese Arbeit machen zu dürfen, empfinde ich als großes Glück. Ich bin immer wieder erstaunt wie heilsam das gemeinschaftliche Praktizieren sein kann und wie sich meine eigene Praxis weiter entfaltet und vertieft. Das Leben ist unendlich kreativ und kennt keine Endpunkte.
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Kontemplation

Vertiefungen der Praxis

Die Praxis von Meditierenden vertieft sich über viele Jahre und Jahrzehnte. Aufgrund des tiefgreifenden Wandels, den die Praktizierenden durchlaufen, sind Phasen der Orientierungslosigkeit zu erwarten. In diesem Beitrag betrachtet Andreas die langfristige Entwicklung von Meditierenden und stellt mögliche Orientierungshilfen vor.

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