Leerheit und bedingtes Entstehen – eine Einführung

Search
Generic filters
Filter by Categories
Übung
Impuls
Kontemplation
Inspiration

Diese Kontemplation ist eine Einführung in die meditative Erforschung von Leerheit und bedingtem Entstehen.

Groß oder klein?

Ein Achtsamkeitslehrer hält in seinem Kurs ein Blatt Papier hoch und fragt die Meditierenden: „Ist dieses Blatt groß oder klein?“ Die intuitive Antwort einer Teilnehmerin lautet: „Kommt drauf an.“

Genau! Aber auf was kommt es an? Auf den Bezug, den wir zur Größe des Blattes herstellen. Verglichen mit einem Konfetti, ist das Blatt Papier riesengroß. Verglichen mit einem Filmplakat ist das Blatt eher klein. Die Größe ist also keine eigenständige Eigenschaft des Blattes Papier. „Groß“ hat keine Bedeutung ohne „klein“. Die beiden Eigenschaften sind leer—sie können nicht eigenständig bzw. unabhängig existieren. Man könnte auch sagen sie entstehen bedingt voneinander.

Was soll uns das über unsere Meditationspraxis sagen?

Ob es uns bewusst ist oder nicht, im Wesentlichen geht es in der Meditation immer wieder darum, die Leerheit dessen zu erkennen, was wir gerade meditativ oder kontemplativ erforschen. Unsere gewohnheitsmäßige Wahrnehmung ist stark dualistisch geprägt und erzeugt ständig scheinbar unabhängig existierende Objekte in unserem Bewusstsein. Das heißt wir konstruieren Trennungen, die sich bei genauer Betrachtung auflösen.

Betrachten wir z.B. den Atem einmal etwas genauer mit dieser Sichtweise. Wenn wir in der Meditation den Atem beobachten, können wir uns fragen, wann genau die Luft des Atems eingeatmet ist. Etwa wenn sie an den Nasenflügeln spürbar ist? Wenn sie die Luftröhre passiert? Wenn sie in den Lungenflügeln angekommen ist? Oder etwa erst wenn der Sauerstoff in unserem Blut zirkuliert? Oder man könnte sich die Frage stellen: „Ab wann gehört der Atem zu mir?“

Bei genauerer Betrachtung stellen wir fest, dass diese Fragen nicht beantwortet werden können, da sie fälschlicherweise davon ausgehen, dass der „Atem“ und „Ich” zwei eigenständig existierende Objekte sind. Der „Atem“ ist jedoch tatsächlich nur ein Konzept, welches von unserem Bewusstsein als Objekt wahrgenommen wird und nicht eigenständig existiert. Diese Erkenntnis ist deshalb so wichtig für unsere Meditationspraxis, da sie genauso für das „Ich” gilt, welches wir gewohnheitsmäßig mit Beharrlichkeit als eigenständig wahrnehmen.

Die Übung Meditation über die Leerheit des Atems kann an dieser Stelle zur Vertiefung genutzt werden.

Gewöhnlich nehmen wir die Welt durch unsere Glaubenssätze, Emotionen, Selbstbilder und Gedanken wahr—ohne dabei zu bemerken, dass wir diesen eine eigenständige Existenz zusprechen. Wir sehen den Glaubenssatz nicht, sondern sehen vielmehr uns selbst und die Welt durch unsere Glaubenssätze hindurch. Um beispielsweise einen hinderlichen Glaubenssatz als solchen wahrzunehmen, müssen wir erkennen, dass er—genau wie der Atem—leer ist, ein konstruiertes Konzept, welches durch ein komplexes Netzwerk an Ursachen bedingt entstanden ist. Biologische, kulturelle und persönliche Prägungen haben dazu beigetragen, dass in uns hinderliche Glaubenssätze wie z.B. „Ich bin ein Mensch, der nunmal so ist!”, „Ich kann das nicht!” oder „Ich bin wertlos!” lebendig sind.

Die Übung Hinderliche Glaubenssätze erforschen kann an dieser Stelle zur Vertiefung genutzt werden.

Für unser inneres Wachstum kann es hilfreich sein, Leerheit und bedingtes Entstehen als Konzepte in unsere Praxis zu integrieren—denn durch das sich vertiefende Erleben der Leerheit aller Dinge wird uns auch die Freiheit und Offenheit der menschlichen Erfahrung direkter zugänglich. Wer zum ersten mal von Leerheit oder bedingtem Entstehen hört, hat vielleicht den Eindruck, dass es sich hierbei um alltragsfremde Theorien handelt, die nur von Menschen mit abgeschlossenem Philosophiestudium verstanden werden können. Dass dem nicht so ist, zeigt der Zen-Meister Thich Nhat Hanh in einem Bild, das er häufig für die Beschreibung von Leerheit und bedingtem Entstehen verwendet.

Manchmal fragen dich die Leute: „Wann hast du Geburtstag?" Aber du könntest Dir eine interessantere Frage stellen: „Wo war ich vor diesem Tag, der mein Geburtstag genannt wird?"

Frage doch mal eine Wolke: "Was ist dein Geburtsdatum? Wo warst du, bevor du geboren wurdest?"

Wenn du die Wolke fragst: "Wie alt bist du? Kannst du mir dein Geburtsdatum nennen?" verstehst du vielleicht ihre Antwort, wenn du genau zuhörst. Stell dir vor, dass die Wolke geboren wird. Vor ihrer Geburt war sie das Wasser auf der Meeresoberfläche. Oder sie war im Fluss und wurde dann zu Dampf. Sie war auch die Sonne, weil die Sonne den Dampf erzeugt. Auch der Wind war beteiligt und half dem Wasser, eine Wolke zu werden. Die Wolke kommt nicht aus dem Nichts; es hat lediglich eine Veränderung der Form stattgefunden. Es gibt keine Geburt von etwas aus dem Nichts.

Früher oder später verwandelt sich die Wolke in Regen, Schnee oder Eis. Wenn du den Regen genau betrachtest, kannst du die Wolke sehen. Die Wolke geht nicht verloren; sie verwandelt sich in Regen, der Regen verwandelt sich in Gras, das Gras in Kühe, dann in Milch und dann in das Eis, das du isst. Wenn du heute ein Eis essen gehst, nimm dir etwas Zeit, um das Eis zu betrachten und um zu sagen: "Hallo Wolke! Ich erkenne dich."

Thich Nhat Hanh, No Death, No Fear: Comforting Wisdom for Life Tweet

Wenn wir noch tiefer schauen, eröffnen sich erstaunliche Wege und Einsichten in die Leerheit und Offenheit der menschlichen Erfahrung. Insbesondere der Rückzug in einem Meditationsretreat eignet sich dazu, subtilere Ebenen der Leerheit zu erforschen. Tiefgreifend erfahrene Leerheit führt nicht selten dazu, dass wir den Mund vor lauter Staunen nicht mehr zu bekommen.

Wie und als was können wir unseren Geist (englisch: mind) verstehen? Selbst wenn wir gründlich nach ihm suchen—um einen bestimmten Aspekt, eine Farbe, eine Form oder einen Ort ausfindig zu machen, an dem der Geist sich befindet; als Form, Gefühl, Wahrnehmung, Gedanke oder Bewusstsein; als Selbst oder von einem Selbst besessen, als etwas zu begreifen oder zu verstehen, als rein oder unrein, als Teil des Ganzen oder als Sinnesfeld—oder auf irgendeine andere Weise—werden wir ihn nicht finden.

Aus dem Mahāvairocanābhisaṃbodhi Sūtra Tweet

Andreas Frickinger

Nach einer persönlichen Lebenskrise im Jahr 2012 begann ich zu meditieren. Seitdem bin ich immer wieder erstaunt, wie sich meine Meditationspraxis über die Jahre verändert und vertieft hat. 2017 absolvierte ich eine Ausbildung zum MBSR-Lehrer. MBSR steht für achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction). Zusammen mit Nils Schmalenbach entwickelte ich die Idee für eine Website zum Thema inneres Wachstum und Kulturwandel. Das vertiefte Erleben von Freiheit und Zufriedenheit durch meine eigene Praxis hat mich dazu motiviert, Meditation zu vermitteln und andere Menschen in ihren Entwicklungsprozessen zu begleiten.
Share on email
Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on linkedin

Tiefer Schauen

Kontemplation

Vertiefungen der Praxis

Die Praxis von Meditierenden vertieft sich über viele Jahre und Jahrzehnte. Aufgrund des tiefgreifenden Wandels, den die Praktizierenden durchlaufen, sind Phasen der Orientierungslosigkeit zu erwarten. In diesem Beitrag betrachtet Andreas die langfristige Entwicklung von Meditierenden und stellt mögliche Orientierungshilfen vor.

TIEFER SCHAUEN »
Scroll to Top