Über den Umgang mit Konzepten und Gedanken in der Meditation

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Eine sich vertiefende Meditationspraxis führt uns früher oder später an den Punkt, an dem unsere Konzepte, Sichtweisen, Glaubenssätze und Gedanken selbst zum Meditationsobjekt werden.

An diesem Punkt angekommen, erleben wir schon eine gewisse Freiheit von einengenden Vorurteilen, Neigungen und Selbstbildern. Wir haben erkannt, dass tiefere, meist unbewusste Muster und Gewohnheiten unser Denken und Handeln maßgeblich beeinflussen.

Wahrscheinlich haben wir auch schon alte Glaubenssätze und Selbstbilder fallengelassen und dafür neue aufgenommen—vielleicht sogar ohne dass uns dieser Vorgang bewusst war. Damit sich unsere Praxis weiter vertiefen kann, ist es hilfreich unser Verhältnis zu Konzepten und Gedanken kontemplativ und meditativ zu erforschen.

Was heißt das?

Das kontemplative, intellektuelle Verstehen und die direkte, verkörperte Erfahrung—also das meditative Erforschen—sind auf dem Übungsweg wie zwei Zahnräder, die ineinandergreifen und die Praxis in die Tiefe führen. Man kann sagen, dass die Praxis immer wieder daraus besteht, hilfreiche Sichtweisen und Konzepte zu finden, die dann in der Meditation als verkörperte Erfahrung erlebbar und vertieft werden. Sobald durch ein tieferes Verständnis erkannt wird, dass diese Sichtweisen lediglich ein temporäres Hilfsmittel sind, können auch diese wieder losgelassen werden. Das Enttarnen von hinderlichen Glaubenssätzen und das Finden von hilfreichen Konzepten bzw. Sichtweisen ist ein integraler Bestandteil des Übungsweges.

Ein weit verbreiteter Glaubenssatz ist, dass wir meditieren um unsere Gedanken loszuwerden. Eine Meditationssitzung ist erst dann „gut”, wenn endlich keine Gedanken mehr auftauchen. Gedankliche Stille ist das ausgerufene Ziel. Vor allem Meditationsanfänger reiben sich an diesem Glaubenssatz regelmäßig auf. Diese Vorstellung kann auch genährt werden durch die Art und Weise wie Meditation gelehrt wird. Häufig wird vermittelt, dass Meditation im Prinzip daraus besteht, den Geist immer und immer wieder zum Meditationsobjekt zurückzubringen, wenn Gedanken die Konzentration zerstreuen. Während diese Technik durchaus (bis zu einem gewissen Grad) nützlich ist, um den Geist zu beruhigen, so kann eine unerkannte Aversion gegen Gedanken genau den gegenteiligen Effekt haben. Regelmäßig bauen sich darauf zusätzliche Glaubenssätze auf, wie “Ich kann nicht meditieren!” oder “Meditation ist nicht mein Ding!”, was die Unruhe im Geist immer weiter verstärkt.

Die Übung Hinderliche Glaubenssätze erforschen kann an dieser Stelle zur Vertiefung genutzt werden.

Vielleicht keimt irgendwann jedoch die Erkenntnis, dass nicht meine vermeintliche Unfähigkeit zu meditieren dafür verantwortlich ist, dass sich mein Geist nicht beruhigt, sondern vielmehr der unerkannte Glaubenssatz, dass Gedanken durch die Meditation zu überwinden sind. Einsicht—also das Finden einer hilfreichen Sichtweise—und die Beruhigung bzw. Sammlung des Geistes bedingen sich nämlich wechselseitig. Die Einsicht, dass ein Gedanke an sich gar kein Problem darstellt, kann eine sehr beruhigende Wirkung auf den Geist haben. Meditative Versenkungen, in denen der Geist gesammelt ist und zeitweise keine Gedanken auftauchen, sind tatsächlich enorm nährend und hilfreich. Diese eröffnen sich jedoch nicht alleine dadurch, dass wir unsere „Konzentration” wie einen Muskel trainieren, sondern vielmehr auch durch das Erkennen von unbewusst wirkenden Glaubenssätzen, bzw. durch das Finden von hilfreichen Sichtweisen und Konzepten, die uns die Leerheit und Offenheit aller Dinge zugänglich machen.

Die Praxis eröffnet uns langfristig immer mehr einen Erfahrungsraum, in dem Konzepte, Glaubenssätze und Selbstbilder als leer und nicht eigenständig existierend erkannt werden. Paradoxerweise sind wir auf diesem Übungsweg, der uns letztlich zum Fallenlassen von jeglichen Konzepten führt, auf das geschickte Arbeiten mit hilfreichen Sichtweisen und Konzepten angewiesen. Ein Geist ohne Gedanken kann wunderbar und nährend sein. Die Einsicht in die Leerheit aller Dinge zeigt uns jedoch einen Weg zu einer wesentlich tiefergehenden Freiheit.

Die Illusion einer eigenständigen Existenz ist direkt in die Wahrnehmung und die Art und Weise, wie wir Dinge erleben, eingebunden—es ist nicht nur ein Problem der Sprache und des Denkens. Diese grundlegende Verblendung kann nicht einfach durch Entfernen des Denkens beseitigt werden. Egal wie einfach, direkt, klar und gedankenlos unsere Erfahrung von Dingen sein mag—wenn das subtile Gefühl einer eigenständigen Existenz der Dinge nicht bewusst überwunden wird, ist unsere grundlegende Verblendung weiterhin präsent.

Rob Burbea, Seeing that Frees, Seite 313 Tweet

Dieses Buch hat Tiefgang! Rob Burbea beschreibt tiefgehend und detailliert, welche Erfahrungen und Erkenntnisse man in der Meditation haben kann. Auf den ersten Blick erscheint „Leerheit“ vielleicht wie ein beliebiger buddhistischer Begriff. In der Praxis kann dieses Konzept jedoch Wegbereiter für ein tieferes Verständnis der menschlichen Erfahrung sein. Wir verwenden Seeing That Frees hauptsächlich als Nachschlagewerk für alle möglichen Fragen, die sich auf die Praxis beziehen. Leser müssen sich nicht als Buddhist verstehen, um von diesem Buch zu profitieren—ein grundlegendes Verständnis der buddhistischen Terminologie ist jedoch hilfreich.

Die Kontemplation Leerheit und bedingtes Entstehen – eine Einführung kann an dieser Stelle zur Vertiefung genutzt werden.

Andreas Frickinger

Nach einer persönlichen Lebenskrise im Jahr 2012 begann ich zu meditieren. Seitdem bin ich immer wieder erstaunt, wie sich meine Meditationspraxis über die Jahre verändert und vertieft hat. 2017 absolvierte ich eine Ausbildung zum MBSR-Lehrer. MBSR steht für achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction). Zusammen mit Nils Schmalenbach entwickelte ich die Idee für eine Website zum Thema inneres Wachstum und Kulturwandel. Das vertiefte Erleben von Freiheit und Zufriedenheit durch meine eigene Praxis hat mich dazu motiviert, Meditation zu vermitteln und andere Menschen in ihren Entwicklungsprozessen zu begleiten.
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